GALERIE DER ERINNERUNG
dokumentation

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Swing tanzen verboten

2014

swing tanzen verboten

Swing tanzen verboten
Unterhaltungsmusik nach 1933 zwischen Widerstand, Propaganda und Vertreibung

Ausstellungseröffnung

Begrüßung // Josef Ackerl
im Gespräch // Dr. Marie-Theres Arnbom / Wolfgang Winkler
Musik // Elina Gurevich / Patrick Hahn

Ausstellung

Kuratorin // Dr. Marie-Theres Arnbom
Ausstellungsgestaltung // argeMarie

Ausstellung während der Dauer des Internationalen Brucknerfestes Linz 2014 bis 5.10.

Tabakfabrik Linz // in Kooperation mit dem Internationalen Brucknerfest Linz 2014


swing tanzen verboten

Das Jahr 1933 bedeutete einen gewaltigen Einschnitt auch für die Unterhaltungskultur. Dies war im Besonderen von moderner Tanzmusik, Einflüssen aus Amerika, frivol-humoristischen Texten und jüdischen Komponisten, Librettisten und Interpreten geprägt. All dies war den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge: Rückbesinnung auf "heimische" Melodien, auf "arische" Künstler und "brave" Texte standen im krassen Gegensatz zu einer der erfolgreichsten Phasen der mitteleuropäischen Unterhaltungsbranche, die weltoffen und modern war.

"Der Untergang der Wiener Operette im Judentum" übertitelte Der Stürmer am 9.6.1934 die "Aufzeichnungen eines abgebauten Operettenstars": "Wer wollte auch auf den Gedanken verfallen, daß gerade die Juden es sein sollten, die in einem knifflig und perfid geführten unterirdischen Feldzug im Laufe von wenigen Jahrzehnten das ganze Gebiet der wienerischen Musik erobern konnten, sodass durchaus keine Übertreibung ausgesprochen wird, wenn man hinsichtlich dessen, was heute als wienerische Musik "international" gepriesen wird, die Begriffe von "Wienerisch" und "Jüdisch" gleichsetzt." Die jüdischen Künstler wurden vertrieben, verhaftet und ermordet - und mit ihnen eine ganze unwiederbringliche Kultur.

Die Ausstellung ist dreigeteilt: "Arisierte" Operette stellt die Unterhaltungskultur nach 1933 in Deutschland in den Mittelpunkt, "Vertriebene" Operette den Brain Drain in die USA und andere Länder, die Zuflucht boten, und "Ermordete" Operette all die Künstler, die ermordet wurden und selbst noch in den Konzentrationslagern Unterhaltungsmusik aufführten und komponierten.

In Deutschland mussten Ersatzwerke geschaffen werden, um die große Nachfrage nach Operette weiter zu befriedigen. So wurde aus Emmerich Kálmáns Gräfin Mariza Nico Dostals Ungarische Hochzeit, Paul Abrahams Ball im Savoy wandelte sich zu Fred Raymonds Maske in Blau und die Kulissen zu Erik Charells Weißem Rössl mussten eine Weiterverwendung finden. Fred Raymond schrieb daher Saison in Salzburg.

Komponisten, Librettisten und Interpreten fanden Zuflucht in den USA, doch nur wenigen gelang es, dort künstlerisch zu reüssieren und den in Europa begonnen Erfolg fortzusetzen. In England entstand die einzige Operette, die die Nazi-Verfolgung thematisierte: Ivor Novellos The dancing years aus dem Jahr 1939.

In einigen Konzentrationslagern wurden Operetten aufgeführt: Von den Häftlingen für andere Häftlinge oder aber für die Wachmannschaften. Außerdem hatte jedes Lager seine "Lagerhymne", so schufen Hermann Leopoldi und Fritz Löhner-Beda das berühmte "Buchenwaldlied".

Nach 1945 gab es in Europa so gut wie keinen Bruch: Kontinuität stand im Mittelpunkt, das Bestreben, die vertriebene Kultur wieder zu beleben, war enden wollend - die Biederkeit der 1950er Jahre setzte die Nazi-Ideologie auf ihre Weise fort: Für Jazz und moderne Tanzmusik bestand nur wenig Interesse. Erst in den vergangenen Jahren erwachte wieder das Interesse für die Modernität der Zwischenkriegszeit - eine Chance, ein ganzes Genre zu rehabilitieren und ihren Schöpfern die Geschichte zurückzugeben.

Dr. Marie-Theres Arnbom


marie-theres arnbom

Marie-Theres Arnbom Marie-Theres Arnbomspielt auf vielfältige Weise eine gestaltende Rolle auf der kulturellen Landkarte Österreichs. Seit 1998 veröffentlicht sie einerseits Bücher und Beiträge zu zeit- und kulturhistorischen Themen und ist andererseits auch im musikdramaturgischen Bereich tätig, wo sie für die großen österreichischen Konzertveranstalter zahlreiche Programmhefte und Artikel schreibt. Als Kuratorin verwirklicht sie für die führenden österreichischen Museen und Veranstalter Ausstellungen, die historische und kulturgeschichtliche Themen in Szene setzen. 2004 gründete sie das Kindermusikfestival St. Gilgen, das seither ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Musiksommers im Salzkammergut ist.
Homepage: http://www.arnbom.com/


argemarie

argemarie
argemarie ist eine Arbeitsgemeinschaft mit Schwerpunkt auf Ausstellungsarchitektur, Szenographie und Signaletik. argemarie arbeitet seit über 10 Jahren in verschiedenen Bereichen der Entwicklung von Ausstellungen für Museen und szenischer Architektur. Aufgabenbereiche sind Medieninstallation, Graphik, interaktive Vermittlung, Konzeption ud Entwurf bis zur Ausführung und Unterstützung der kuratorischen Tätigkeit.

Homepage: http://www.argemarie.at/