GALERIE DER ERINNERUNG
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Walter Braunfels

2014

walter braunfels

Walter Braunfels Walter Braunfels, geboren und aufgewachsen in Frankfurt, gilt als Shooting Star unter den "Wiederentdeckten", also den von den Nationalsozialisten verfemten und seitdem aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwundenen Komponisten. Ab 1920 zählte er neben Richard Strauss und Franz Schreker zu den meistgespielten Opernkomponisten in Deutschland. Seine erfolgreiche Laufbahn als Komponist und als Direktor der neu gegründeten Hochschule für Musik in Köln endete jäh mit der "Machtergreifung" 1933. Als "Halbjude" verlor er seine Stellung, und seine Werke durften nicht mehr gespielt werden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, den er in innerer Emigration am Bodensee verbrachte, konnte er als Komponist nicht mehr an seine Vorkriegserfolge anknüpfen.
Die Braunfels-Renaissance begann mit der schon in den Zwanzigerjahren höchst populären Oper "Die Vögel", die 1999 von der Volksoper Wien wiederentdeckt und seitdem an zahlreichen Bühnen auf der ganzen Welt erfolgreich gespielt wurde. Im Fahrwasser dieses Triumphzugs erlangten auch zahlreiche andere Werke des Komponisten wieder Aufmerksamkeit, und mittlerweile vergeht keine Saison, in der nicht zumindest einige Aufführungen und Plattenaufnahmen von Braunfels-Werken stattfinden. Der jüngst im thüringischen Gera wiederbelebte "Ulenspiegel" zählt neben "Die Vögel" und der "Großen Messe" zu Braunfels' opulentesten und unmittelbar packendsten Werken. Schwelgerische Melodien und instrumentale Prachtentfaltung kennzeichnen dieses geradezu "hyperromantische", hochemotionale Revolutionsdrama aus der Zeit der Inquisition in den Spanischen Niederlanden, in dem sich die Hauptfigur Till Ulenspiegel zwangsläufig vom aufmüpfigen Schalk zum Freiheitskämpfer beziehungsweise - je nach Betrachtungsweise - Terroristen entwickelt.


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Walter Braunfels und sein Ulenspiegel
Am 2. März 1933 wurde der bekennende Katholik Walter Braunfels von den Nationalsozialisten als "Halbjude" aus dem Amt des Direktors der Kölner Musikhochschule gejagt und sein kompositorisches Schaffen mit einem Bann belegt. Gut fünfzig Jahre zuvor war er in Frankfurt/Main als Protestant zur Welt gekommen: Seine Mutter, Helene Spohr (Großnichte des Komponisten Louis Spohr), war von Geburt an protestantisch, sein Vater, der Journalist und Übersetzer Ludwig Braunfels, schon in jungen Jahren aus Überzeugung vom jüdischen zum evangelischen Glauben konvertiert.

Die Religion spielte jedoch keine wichtige Rolle im Leben des frühreifen Komponisten, der bereits als Zwölfjähriger am Hoch'schen Konservatorium in Frankfurt angenommen wurde. Zweifel an seiner Berufung zur Musik veranlassten ihn, nach dem Abitur zunächst Jura und Nationalökonomie in Kiel, später in München zu studieren, das um die Jahrhundertwende eine kulturelle Blütezeit erlebte. Die Werke von Pfitzner und Strauss machten starken Eindruck auf Braunfels, das Erweckungserlebnis bescherte ihm aber Wagners Tristan und Isolde: Er entschied sich für die Laufbahn eines Musikers und ging nach Wien, wo er bei Leschetizky und Nawratil studierte. Ab 1903 nahm er Kompositionsunterricht bei Ludwig Thuille in München.

Im Mai 1909 heiratete er Bertel von Hildebrand, Tochter des bekannten Münchner Bildhauers Adolph von Hildebrand, die wenige Jahre zuvor eigentlich noch mit Wilhelm Furtwängler verlobt gewesen war. Im selben Jahr hatte er seinen ersten großen Auftritt als Komponist mit der erfolgreichen Uraufführung seines Opernerstlings Prinzessin Brambilla unter Max von Schillings an der Oper Stuttgart.

Als Braunfels sich im Folgejahr an die Komposition seiner nächsten Oper Ulenspiegel machte (uraufgeführt 1913 ebenfalls in Stuttgart unter Schillings), brodelte ganz Europa bereits vor Kriegslust und politischem Aktivismus. Wie bei allen seinen Opern schrieb er das Libretto selbst. Als - sehr frei bearbeitete - literarische Vorlage diente Charles de Costers Roman Till Ulenspiegel (im ersten Akt teilweise auch Goethes Trauerspiel Egmont). Die Handlung spielt zur Zeit der niederländischen Befreiungskriege im Flandern des Jahres 1572, wo sich die vorwiegend protestantische Bevölkerung gegen die katholischen Spanier zur Wehr setzte. Im Libretto ist viel von der in Europa vor dem Ersten Weltkrieg bereits weitverbreiteten Kriegsbegeisterung zu spüren, der sich auch Braunfels so wie viele seiner Kollegen (etwa Berg, Schönberg oder Ravel) nicht entziehen konnte: In der Oper erscheint der Kampf gegen die Spanier, insbesondere gegen die Schreckensherrschaft Herzog Albas und der Inquisition, als völlig gerechte und wünschenswerte Sache.

Im April 1915 erhält Braunfels den Gestellungsbefehl und bedauert es dabei sehr, nicht ins Feld gerufen zu werden. 1917 wird er Offizier, und als er im Februar 1918 an die Front gerufen wird, wehrt er sich sogar gegen die Bitten seiner Ehefrau, sich dem aktiven Kampf an der Front zu entziehen: "Ach, ich weiß es wohl, auch Nele wird schließlich schwach, aber Ulenspiegel sagt sich von ihr los und reißt seine Liebe aus dem Herzen, obwohl seine Liebe sein Leben ist ..." Bereits am ersten Offensiv-Tag seines Fronteinsatzes trifft ihn ein Querschläger am Fuß, und während seiner Zeit im Lazarett wandelt sich seine Persönlichkeit: Die Schrecken des Krieges erwecken ihn ihm den Humanisten, und tief geschockt von den Grausamkeiten der französischen Front kommt ihm jeder "romantische" Patriotismus abhanden. Braunfels' neue Einstellung spiegelt sich in politischem Verantwortungsgefühl, im Bewusstsein der moralischen Verpflichtung jedes Einzelnen. Besiegelt wurde die Wende mit dem offiziellen Eintritt in die (für ihn) "einzig selig machende, wahre katholische Kirche".

Die Konversion markiert zugleich den Beginn der zweiten Schaffensperiode: Die prachtvoll-funkelnde, üppige und (trotz des Tristan-Erlebnisses) wenig chromatische Klangsprache der Vorkriegsjahre wird zwar beibehalten und verfeinert, ist aber nun kein Selbstzweck mehr, sondern dient dem humanistischen Ideal. Die Auseinandersetzung mit dem Katholizismus manifestiert sich in großformatigen religiösen Werken wie dem Te Deum und der Großen Messe. Von der antikatholischen "Kriegsoper" Ulenspiegel wollte Braunfels dagegen nichts mehr wissen und zog das Werk zurück.
In den Zwanzigerjahren galt Braunfels vor allem mit Die Vögel und Don Gil als der erfolgreichste zeitgenössische Opernkomponist in Deutschland nach Strauss und Schreker. 1925 wurde er zum Direktor der neugegründeten "2. Preußischen Musikhochschule" in Köln berufen. Seine Tätigkeit als Komponist kam aufgrund dieser beruflichen Bürde fast zum Erliegen.

Während der Naziherrschaft verließ Braunfels trotz des Banns Deutschland nicht. Er zog sich nach Godesberg bei Bonn, später nach Überlingen am Bodensee zurück, wo er - trotz depressiver Phasen aufgrund seiner künstlerischer Isolation - einen zweiten Frühling als Komponist erlebte. Mit einer winzigen Rente und der Unterstützung von Freunden aus der Schweiz, die ihn mit Geld und CARE-Paketen versorgten, bestritt er seinen Lebensunterhalt während dieser dritten, überaus reichen Schaffensperiode, die von weniger opulenten, zunehmend vergeistigten, stark chromatischen, aber trotzdem erfreulich "unmodernen" Werken geprägt ist. Im Oktober 1945 erfolgte auf Betreiben von Konrad Adenauer die Wiedereinsetzung als Direktor der zerstörten Musikhochschule in Köln. Drei Jahre später war der 65-jährige Braunfels dennoch froh, sich auf den wesentlich weniger anstrengenden Posten eines "Ehrenpräsidenten" zurückziehen und sich seiner Familie widmen zu können. Er komponierte bis zu seinem Lebensende 1954, als Komponist war er zu diesem Zeitpunkt aber längst ein Unverstandener und sein Schaffen großteils vergessen.

Volkmar Putz


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